DEEP

Lawinenschutz und Klimawandel

Klimatische Veränderungen und sich verschiebende Wetter- und Niederschlagsmuster führen dazu, dass sich auch die Dynamik, Häufigkeit und Charakteristik von Lawinen zunehmend verändern. Damit stehen insbesondere Lawinenkommissionen als zentrale Akteure im lokalen Risikomanagement vor sich wandelnden Herausforderungen.

Dieser Artikel ist über:

01

Allgemein

Lawinen stehen in enger Wechselwirkung mit Wetter und Klima. Die zunehmenden klimatischen Veränderungen beeinflussen nicht nur die Häufigkeit und Intensität von Lawinenereignissen, sondern auch deren räumliche und zeitliche Muster.

Für Lawinenkommissionen, die als lokale Risikomanager agieren, bedeutet dies eine stetige Anpassung an neue Rahmenbedingungen. Sie sehen sich mit komplexen, sich wandelnden Szenarien konfrontiert, die eine Veränderung in der Beurteilung und Prävention erfordern. Doch wohin entwickelt sich das Phänomen Lawine? Und welche konkreten Veränderungen kommen auf Lawinenkommissionen zu?

Um den Wandel von Lawinen einschätzen zu können, muss zuallererst der Wechsel des Wetters bzw. Klimas verstanden werden. Ausschlaggebend ist hier auch die geographische Umverteilung der Niederschläge, also nicht nur die Änderung der vertikalen Schneefallgrenze. Es wird davon ausgegangen, dass im Süden Europas Niederschläge abnehmen werden, im Norden ist jedoch mit einer Zunahme dieser zu rechnen. Die Alpen befinden sich in dieser Hinsicht somit am Übergangsbereich der beiden Trends. Auch ist nicht nur mit einer Umverteilung der Niederschläge zu rechnen, sondern ist laut dem IPCC mit einer Häufung von extremen Wettereignissen zu rechnen.

Zur Einschätzung der Entwicklung der Lawinengefährdung ist jedoch ausschlaggebend in welcher Form Niederschlag fällt. In flüssiger Form als Regen oder in fester Form als Schnee. Hier ist ein Trend Richtung steigender Schneefallgrenze sehr wahrscheinlich. Marty et al. 2017 kamen zum Ergebnis, dass bis zur Mitte dieses Jahrhunderts eine geschlossene Schneedecke in den Wintermonaten erst ab ca. 2000 m anzutreffen sein wird. Für Lawinenkommissionen würde dies bedeuten, dass die Häufigkeit von Lawinen, welche den Siedlungsraum betreffen, abnehmen wird. Dieser Trend konnte z.B. in den französischen Alpen beobachtet werden, wo große Lawinen immer kleinere Auslauflängen zeigten (Eckert et al. 2010).

02

Veränderung der Lawinenaktivität am Beispiel der Schweizer Alpen

(Studie von Mayer et al. 2024)

Die Studie von Mayer et al. (2024) zielt darauf ab, zukünftige Veränderungen in Zeitraum, räumlicher Verteilung und Mächtigkeit der Schneedecke zu quantifizieren, um daraus mögliche Entwicklungen der Lawinenaktivität abzuleiten.

Der methodische Ansatz besteht darin, verschiedene Klimaszenarien heranzuziehen und deren Auswirkungen mithilfe von Schneedeckenmodellen zu simulieren. Auf Basis dieser Modellierungen werden potenzielle Trends der Lawinenaktivität identifiziert. Als Datengrundlage dienen Messreihen automatischer Wetterstationen an verschiedenen Standorten in den Schweizer Alpen. Ein Teil der untersuchten Standorte befinden sich auch im Grenzbereich der Euregio Tirol-Südtirol-Trentino, wodurch die Ergebnisse der Studie eine gute Vergleichbarkeit mit den zu erwartenden zukünftigen Lawinenaktivitäten in diesem Gebiet ermöglicht.

Tendenziell ist mit einem Anstieg der Temperaturen zu rechnen. In Zahlen gesprochen wird die Winter-Nullgradgrenze von 800 m bis auf 1800 m wandern.

Dementsprechend steigt die geschlossene Schneedecke auch in Richtung größeren Höhenlagen. Dadurch sinkt gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit von Lawinen in niederen Höhen.

Alle Modellläufe weisen auf einen ähnlichen Trend hin: eine Abnahme trockener Lawinen bei gleichzeitiger Zunahme nasser Lawinen. Der Anstieg nasser Lawinen wird vor allem in Höhenlagen oberhalb von etwa 2300 m erwartet (ca. 5 – 20 %), während darunter eine deutliche Abnahme (ca. 15 – 20 %) projiziert wird. Letztere ist vermutlich auf die insgesamt reduzierte Schneedecke sowie die bereits heute hohe Aktivität von Nassschneelawinen zurückzuführen. Bemerkenswert ist, dass sich die Abnahme trockener Lawinen und die Zunahme nasser Lawinen zum Teil kompensieren. Insgesamt ergibt sich daher lediglich ein moderater Rückgang der gesamten Lawinenaktivität um rund 10 %. Unter Berücksichtigung der übrigen Trends ist zudem davon auszugehen, dass sich diese Lawinenereignisse in höhere Lagen verlagern.

Durch die Verschiebung von trockenen hin zu nassen Lawinen ist außerdem eine Tendenz zu kleineren Ereignissen zu erwarten, die in der Regel auch mit geringeren Auslauflängen verbunden sind.

Untenstehende Graphik zeigt den Trend der Lawinenaktivität für trockene und nasse Lawinen, sowie die Kombination aus den Beiden. Die genaue Beschreibung der Graphen kann aus der Bildbeschreibung entnommen werden.

Zu erwartende Änderung der Lawinenaktivität © Mayer et al. 2024
Zu erwartende Änderung der Lawinenaktivität © Mayer et al. 2024

Die Grafik zeigt die zu erwartende Änderung der Lawinenaktivität von trockenen Lawinen (Dry avalanches: b-e), nassen Lawinen (Wet avalanches: g-j) und die Kombination aus Beiden (Total avalanches: i-o) für das jetzige Jahrhundert für drei verschiedene Emissionsszenarien (RCP2.6, RCP4.5 und RCP8.5).

Links (a-f-k; Avalanche Days): Auf der y-Achse sind die Tage angegeben, welche als potenzielle Lawinentage (No. Of AvDs) im Zeitraum von 1991-2020 einzustufen waren an sieben ausgewählten automatischen Wetterstationen in den Schweizer Alpen.

Mitte (Changes in avalanche days relative to 1991-2020): Die x-Achse verweist auf die Jahreszahl und die y-Achse die relative Veränderung (Rel. change) an potenziellen Lawinentagen über die Jahre. Verläuft die Linie im positiven Bereich weist es auf eine relative Zunahme der Lawinenaktivität hin, im negativen Bereich auf eine Abnahme. Die unterschiedlich gefärbten Linien verweisen auf die Wetterstationen links.

Rechts (e-j-o): Verweis auf die Streuung von Lawinentagen im Zeitraum von 2070-2099.

Zusammenfassung (nach Mayer et al 2024)

Klimatische Entwicklung:

  • Deutlicher Temperaturanstieg
  • Anstieg der Winter-Nullgradgrenze: ca. 800 m → 1800 m
  • Abnehmende Lawinenaktivität in tieferen Lagen

Entwicklung der Lawinenaktivität:

  • Abnahme trockener Lawinen
  • Zunahme nasser Lawinen
  • Insgesamt leichter Rückgang der Lawinenaktivität (~ −10 %)
03

Was kommt auf Lawinenkommissionen zu?

Die Veränderung der Lawinenaktivität hat einen direkten Einfluss auf die Beurteilung durch Lawinenkommissionen und folglich auch auf die von ihnen zu treffenden Maßnahmen. Grundsätzlich wird sich an der Dynamik von trockenen und nassen Lawinen nicht viel ändern. Es muss damit gerechnet werden, dass Nassschneelawinen künftig auch in Zeiträumen auftreten, in denen sie bisher kaum eine Rolle spielten. Dies wird dazu führen, dass die Nassschneeproblematik über den gesamten Beurteilungszeitraum hinweg berücksichtigt werden muss und nicht mehr ausschließlich im Spätwinter.

Die zu erwartende Tendenz hin zu vermehrten Nassschneelawinen geht teilweise mit verkürzten Auslauflängen einher, was grundsätzlich als positiv zu bewerten ist. Gleichzeitig muss jedoch berücksichtigt werden, dass trotz geringerer Fließgeschwindigkeiten aufgrund der höheren Dichte nasser Lawinen ein erhöhtes Schadenspotenzial bestehen kann. Darüber hinaus ist zu prüfen, ob bestehende Schutzbauwerke den veränderten Bedingungen weiterhin gerecht werden und ihre volle Schutzwirkung aufrechterhalten können.

Die oben dargestellte Studie zeigt einen klaren Trend in diese Richtung. Nicht zu vernachlässigen sind jedoch wiederkehrende Extremwetterereignisse, die typischerweise genau jene zivilschutzrelevanten Situationen hervorrufen, die für Lawinenkommissionen besonders herausfordernd sind. Solche Ereignisse können weiterhin auch mit intensiver Trockenlawinenaktivität einhergehen.

Literatur

  • Eckert, N., E. Parent, R. Kies et al. (2010): A spatio-temporal modelling framework for assessing the fluctuations of avalanche occurrence resulting from climate change: application to 60 years of data in the northern French Alps. Clim. Change, 101(3-4): 515-553.

  • IPCC Sixth Assessment Report 2021; Chapter 11: Weather and Climate Extreme Events in a Changing Climate

  • Marty, C., S. Schlögl, M. Bavay & M. Lehning (2017): How much can we save? Impact of different emission scenarios on future snow cover in the Alps. Cryosphere, 11(1): 517-529.

  • Mayer, S., Hendrick, M., Michel, A., Richter, B., Schweizer, J., Wernli, H., & van Herwijnen, A. (2024). Changes in snow avalanche activity in response to climate warming in the Swiss Alps. WSL Institute for Snow and Avalanche Research SLF.

     

Titelfoto: Unterdurchschnittlich hohe Schneedecke im Passeiertal, Mitte Jänner 2026 © Lukas Rastner | snow institute