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Von der Lawinengefahr zum Lawinenrisiko … und warum es auf das Gelände ankommt.

26.06.2023

Auch im alpinen Wintersport wird die „Gefahr“ oft und regelmäßig mit dem „Risiko“ verwechselt und diese beiden Begriffe werden häufig unscharf verwendet. Das betrifft auch die „Lawinengefahr“ und damit das „Lawinenrisiko“, das Freerider*innen eingehen. Klarheit bei diesen Begriffen ist jedoch nicht nur für die jugendlichen Skifahrer*innen selbst wichtig, um die Lawinenprognose und die möglichen Konsequenzen ihres Handelns zu verstehen, sondern ebenso für die Kommunikation nach außen. Denn eine hohe Gefahr bedeutet nicht zwangsläufig ein hohes Risiko.

In diesem Beitrag geht es um:

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Was ist die Lawinengefahr?

Auf diese Frage wird im Beitrag näher eingegangen. Dennoch geben wir im Folgenden eine kurze Zusammenfassung, weil diese Frage aus zwei Gründen entscheidend ist:

  • Sie hilft uns, die Definition der Gefahrenstufen und die Warnungen der Expert*innen der Lawinenwarndienste besser zu verstehen.
  • Sie zeigt Möglichkeiten auf, die wir setzen können, um uns nicht einem (ungewollt hohen) Risiko auszusetzen.

Ganz oben in der Informationspyramide zur Lawinengefahr steht die Gefahrenstufe, die separat für jedes relevante Lawinenproblem eingeschätzt wird. In der Lawinenprognose der Lawinenwarndienste kommuniziert wird dann die höchste Gefahrenstufe unter allen angegebenen Problemen. Dabei sind die Prognostiker*innen in ihrer Beurteilung nicht vollkommen frei, sondern an die sogenannte EAWS-Matrix (European Avalanche Warning Services) gebunden. Je nach Schneedeckenstabilität, Anzahl der Gefahrenstellen und Lawinengröße ergibt sich zwingend eine Gefahrenstufe.

Seit dem Winter 2022/23 werden diese drei Parameter (Schneedeckenstabilität, Anzahl der Gefahrenstellen und Lawinengröße) z. B. im lawinen.report der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino explizit (pro Lawinenproblem) angegeben. Damit weiß man als Anwender*in, wie die aktuelle Schnee(decken)situation einzuschätzen ist. Beispielsweise ergibt eine „sehr schlechte“ Schneedeckenstabilität mit „vielen“ Gefahrenstellen und „großen“ zu erwartenden Lawinen wenig überraschend die Lawinengefahrenstufe 4 (große Lawinengefahr).

EAWS Matrix © snow institute
EAWS Matrix © snow institute

Die Lawinengefahr hängt aber nicht nur von der Gefahrenstufe, sondern auch vom Gelände ab! Das ist insofern einleuchtend und nachvollziehbar, da es unabhängig vom Schneedeckenaufbau – der die oben genannten Parameter ergibt – auf der flachen Wiese im Talboden, außerhalb jeglicher Einzugsgebiete, nie eine Lawinengefahr geben kann.

Obwohl es bereits automatisch erstellte Karten für einige Gebiete in den Alpen gibt (z.B. WhiteRisk, Skitourenguru u.a.), die das Gelände und die Lawinengefahr in Verbindung bringen, nimmt die Gefahrenstufe per Definition keinerlei Rücksicht auf das Gelände: Die Lawinengefahrenstufe ist regional gesehen überall gleich!

Erst mit dem Gelände bzw. dem Aufenthalt im potenziellen Lawinengelände – das bekanntlich steiler als 30 Grad sein bzw. im Auslauf- und Ablagerungsbereich von Lawinen liegen muss – kommt auch das Risiko mit ins Spiel.

EXKURS: ATES

Die Avalanche Terrain Exposure Scale (ATES) von Parks Canada klassifiziert das Gelände – und nicht den Schneedeckenaufbau – bezüglich einer potenziellen Lawinengefahr. Entsprechende Geländekarten sind in Nordamerika üblich und finden auch im Alpenraum langsam Verbreitung. Sie eignen sich hervorragend, um das Lawinenrisiko im freien Gelände mit einem Blick in die drei folgenden Kategorien einzuordnen:

  • Klasse1 „simple/einfach“
  • Klasse 2 „challenging/anspruchsvoll“
  • Klasse 3 „complex/komplex“

Relevante Parameter wie Hangneigung-/form, Bewaldung, Geländefallen, Lawinenwahrscheinlichkeit/Jahr, Charakteristika zu Abbruch-/Ablagerungszone und Lawinenbahn, Routenalternativen, Expositionszeit und Vergletscherung werden in einer ausführlichen technischen Tabelle definiert, aber auch in einer einfachen Version für die breite Masse. Mehr Details gibt es hier.

In der Galerie ein vereinfachter ATES-Überblick

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Was ist das Lawinenrisiko?

Ein Risiko entsteht dann, wenn eine Person – oder ein Sachgut – einer Gefahr ausgesetzt wird. Konkret, wenn z.B. ein Mensch beim Freeriden von einer Lawine erfasst werden kann. Voraussetzung dafür ist, dass sich dieser Mensch bei herrschender Lawinengefahr im Lawinengelände exponiert.

Die Höhe des Risikos definiert sich aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß:

  • Je höher die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Lawinenabgangs – z. sehr schlechte Schneedeckenstabilität, viele Gefahrenstellen/Auslösepunkte und extrem steile Hangneigung –, desto höher ist das Risiko, sofern auch ein Schaden (z. B. Verschüttung eines Menschen oder Zerstörung eines Gebäudes) möglich ist.
  • Auch mit einem höheren Schadensausmaß – z. Verschüttung einer Gruppe anstatt einer Einzelperson – steigt das Risiko an.
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Welche Rolle spielt das Gelände?

Wie aus der Definition des Risikos leicht abzuleiten ist, kann man das Risiko also entweder über die Eintrittswahrscheinlichkeit oder das Schadensausmaß steuern bzw. reduzieren.

Weil ich als Wintersportler*in aber weder die Schneedeckenstabilität noch die Anzahl der Gefahrenstellen oder die Lawinengröße im zu befahrenden Einzelhang verändern oder beeinflussen kann, bleibt mir nur die Geländewahl, um mein Risiko zu reduzieren.

Die wichtigste Botschaft in diesem Zusammenhang lautet:

„Wenn der Schnee das Problem ist, ist das Gelände die Lösung!“

Eine Risikoreduktion ist also nur möglich, wenn ich bereit und in der Lage bin, mich bei großer Lawinengefahr im Gelände so zu bewegen, dass eine Lawinenauslösung bzw. eine Verletzung und Verschüttung verhindert werden kann.

Im Wesentlichen bedeutet das: Verzicht bzw. den Ausschluss von

  • Gelände über 30 Grad Hangneigung
  • großen Hängen
  • Geländefallen und Einzugsgebieten
Standardmaßnahmen im Gelände © snow institute
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Was sind Standardmaßnahmen im Gelände?

Eine Risikoreduktion ist somit auch bei großer Lawinengefahr möglich, sofern ich mich strikt um eine Reduktion von Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmaß bemühe. Dafür hilfreich sind die sogenannten Standardmaßnahmen, die insbesondere darauf abzielen, das Risiko über das Schadensausmaß zu reduzieren.

Zum Beispiel: Du bist mit einer Dreiergruppe im Steilhang unterwegs und ihr entscheidet euch, einzeln zu fahren. Das senkt in erster Linie das Schadensausmaß, indem bei einem Lawinenabgang nur eine Person verletzt oder getötet wird und nicht drei.

Mit einer adäquaten Notfallausrüstung kann ich zwar die Eintrittswahrscheinlichkeit einer Lawine nicht ändern, aber über schnellere Rettungszeiten meine Überlebenswahrscheinlichkeit erhöhen –wenn meine Tourenpartner*innen entsprechend gut ausgebildet sind.

Die im Folgenden dargestellten Standardmaßnahmen bezüglich Verhalten im Gelände haben sich bewährt und können auch gerne – um das amtsdeutsche „Standardmaßnahmen“ loszuwerden – ganz einfach als das bezeichnet werden, was sie sind: ein guter Stil!

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Fazit

Die Lawinengefahr allein sagt noch nichts über das individuell gewählte oder unbewusst eingegangene Risiko von Freerider*innen aus. Erst durch ihre Exposition im Gefahrenraum entsteht ein Risiko. Wer aber in der Lage ist, durch unterschiedliche Maßnahmen die Eintrittswahrscheinlichkeit und/oder das Schadensausmaß zu reduzieren, kann auch bei hoher Gefahr „sicher“ unterwegs sein.

Die Forderung nach Strafen für Freerider*innen und Skitourengeher*innen, die bei hoher Lawinengefahr im Gelände unterwegs sind, geht ins Leere, da mit einer hohen Gefahr nicht zwingend ein hohes Risiko einhergeht.

Abschließend sei noch angemerkt, dass man natürlich auch bei geringer Lawinengefahr ein hohes Risiko eingehen kann, indem man sich beispielsweise durch Aufstiege und Abfahrten im explizit erwähnten Gelände der Lawinenprognose (bzw. des Lawinenproblems) bewegt oder sich im komplexen Gelände exponiert.

Die letzten Bilder zeigen Skifahrer*innen, die sich im Gelände gering bzw. stark exponieren und in Kombination mit einer geringen oder hohen Lawinengefahr ihr persönliches Risiko unterschiedlich hoch wählen.

Eine hohe Lawinengefahr ergibt nicht zwangsläufig ein hohes Risiko – und umgekehrt © snow institute | argonautpro
Eine hohe Lawinengefahr ergibt nicht zwangsläufig ein hohes Risiko – und umgekehrt © snow institute | argonautpro
Titelbild: © snow institute | argonaut.pro