Menü

Was tun bei einem Notfall auf der Skipiste?

26.06.2023

Auch an einem ganz normalen Pisten-Skitag kann einmal etwas passieren. Egal, ob du selbst bzw. deine Gruppe von einem Notfall betroffen ist oder du zu einem Unfall dazukommst – du solltest darauf vorbereitet sein, dass ein solches Ereignis eintritt. Ziel ist es dann, die wichtigsten Rettungsmaßnahmen richtig durchzuführen.

In diesem Beitrag geht es um:

01

Ersteinschätzung

In erster Linie ist es wichtig, die Ruhe zu bewahren und auf die eigene Sicherheit zu achten.

Schnell ist man in einer Notsituation überfordert und verliert den Überblick. Natürlich ist man aufgeregt, daher gilt es, so schnell wie möglich wieder seine Ruhe zu finden, um die Situation einschätzen zu können. Das sprichwörtliche Durchatmen hilft, um sich wieder zu sammeln. Anschließend kann man das Notwendige Punkt für Punkt abarbeiten.

Start ist immer ein 10 für 10. „10 Sekunden für 10 Minuten“ bedeutet, sich vor jeder Handlung 10 Sekunden Zeit zu nehmen, um einen Plan für die nächsten 10 Minuten zu machen. Diese 10 Sekunden sind gut investiert und helfen später, wertvolle Zeit zu sparen, weil die Situation erfasst, die Ressourcen geprüft und ein Handlungsplan beschlossen wurde.

10 für 10: Nimm dir in einer Notsituation 10 Sekunden Zeit, um die Maßnahmen der nächsten 10 Minuten durchzudenken © snow institute
10 für 10: Nimm dir in einer Notsituation 10 Sekunden Zeit, um die Maßnahmen der nächsten 10 Minuten durchzudenken © snow institute

Situation erfassen: Was ist überhaupt passiert?

Versuche, die Situation und das Problem zu erfassen. Zum Beispiel: Ein*e Skifahrer*in liegt auf einem Ziehweg, hat beide Skier verloren und klagt über Schmerzen.

Gefahrenbereiche erkennen

Gibt es mögliche Gefahren für den*die Helfer*in bzw. für den*die Verunfallte*n? Andere Wintersportler*innen können z.B. in die Skier des Verunfallten fahren, die auf der Piste liegen.  Wenn der*die Verunfallte über die Piste hinausgestürzt ist, musst du auch auf alpine Gefahren (z.B. Absturzgefahr, Lawinengefahr) achten.

Eigene Sicherheit vs. Patienten-Sicherheit

Wie schaut es mit der Sicherheit für die Helfenden und für den*die Patienten*in aus? Zum Beispiel: Können abfahrende Skifahrer*innen in die Unfallstelle sehen und dieser ausweichen oder nicht?

Nach der Einschätzung der möglichen Gefahren für dich und den*die Verletzte*n gilt es Maßnahmen zu setzen, um euch vor weiteren Gefahren zu schützen. Zum Beispiel: Die Piste oberhalb abzusperren, die Skier zusammensammeln etc. Oberste Prämisse ist es, dich selbst nicht zusätzlich in Gefahr zu begeben!

Ressourcen

Ist ein Erste-Hilfe-Paket oder zumindest eine Rettungsdecke verfügbar? Sind mehrere Helfer*innen vor Ort oder bin ich allein?

Weitere Helfer*innen + Notruf

Kann der*die Helfer*in die Situation allein oder mit der Gruppe bewältigen?

Besonders wenn eine Gefahr nicht entschärft werden kann oder es offensichtlich ist, dass der Einsatz von Rettungskräften notwendig ist, sollte man umgehend den Notruf absetzen.

TAKE AWAY: Auf einer Skipiste hast du im Notfall den Vorteil, dass normalerweise genügend Ressourcen (Personen) vorhanden sind und du Aufgaben koordinieren und verteilen kannst. Zögere nicht, Personen aufzuhalten (z. B. durch Rufen) und sie zu „beauftragen“, einen Notruf abzusetzen bzw. zur naheliegenden Liftstation zu fahren, während eine andere Person die Unfallstelle absichert.

02

Absichern der Unfallstelle

Nach der Ersteinschätzung kommt es zum zweiten Schritt: das Absichern der Unfallstelle. Wie beschrieben, kann das bereits passieren, während eine andere Person den Notruf absetzt. 

Die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen orientieren sich an der jeweiligen Ersteinschätzung und sind von Situation zu Situation verschieden..

Besteht eine Gefahr, etwa durch andere Skifahrer*innen, so ist die Unfallstelle umgehend abzusichern, indem man ca. zwanzig Schritte in Richtung der möglichen Gefahr ein Skikreuz errichtet. Für diese international bekannte Markierung einer Unfallstelle auf einer Piste werden die Skier über Kreuz in den Schnee gerammt und geben so allen Abfahrenden zu erkennen, dass hier ein Unfall stattgefunden hat. Auch ein Snowboard kann für eine Absicherung quer mit der Bindung nach unten auf die Piste gelegt werden.

Notfall Skipiste © snow institute
Notfall Skipiste © snow institute

Idealerweise platziert sich ein*e Helfer*in – am besten in gut sichtbarer Kleidung – bei der Absperrung, um andere Skifahrer*innen zu warnen. Diese*r Helfer*in kann auch Anfragen für weitere Hilfe von anderen Personen annehmen. Zum Beispiel befindet sich häufig medizinisches Fachpersonal auf der Piste, die Hilfe anbieten.

03

Notruf

Der Zeitpunkt, zu dem der Notruf abgesetzt wird, ist von Situation zu Situation unterschiedlich. Er kann nach dem ersten Situationsüberblick getätigt werden oder später, wenn sich die Schwere der Verletzung o.ä. herausstellt.

Im Idealfall hast du die lokalen Notrufnummern eingespeichert oder noch besser eine regionale Notfall-APP auf dem Smartphone.

Bevor du einen Notruf absetzt, solltest du dir aber noch kurz Gedanken machen, um die Fragen der Leitstelle beantworten zu können:

  • Wo ist der Unfallort?
    Zum Beispiel: Skigebiet Nordkette, Zweier-Abfahrt am Ziehweg direkt unter der Talstation des 3er-Sesselliftes.
  • Was ist passiert?
    Zum Beispiel: Eine ca. 30-jährige Skifahrerin liegt nach einem Sturz auf der Piste, klagt über Schmerzen im Kniegelenk und kann nicht mehr aufstehen.

Wenn du den Notruf gewählt hast, geht der Calltaker (Disponent) nach einem Programm vor und leitet durch die jeweiligen Fragen. Wenn etwas unklar ist, werden dir weitere entsprechende Fragen gestellt und auch für weitere (Erste-Hilfe-) Maßnahmen bleibt die Person von der Leitstelle immer ein Ansprechpartner.

Sollte kein Kontakt per Mobiltelefon möglich sein (z. B. kein Netz, was in Skigebieten allerdings selten ist) und du bist allein mit der verunfallten Person, musst du unverzüglich um Hilfe rufen. Manche Rucksäcke haben eine kleine Trillerpfeife am Brustgurt, mit der man sehr gut und laut Aufmerksamkeit erzeugen kann.

Ist es nicht möglich, von der Unfallstelle aus einen Notruf abzusetzen, muss jemand Hilfe holen. Im Skigebiet fährt man zur nächsten Lift- bzw. Raststation und gibt dort Bescheid, dass die Pistenrettung benötigt wird. Alle Skigebiete verfügen über eine solche Pistenrettung, die vor Ort ist und mit Skiern oder Schneemobil schnell am Unfallort eintrifft.

Notrufnummer © snow institute
Notrufnummer © snow institute
04

Erste Hilfe

Auch Kinder und Jugendliche sind in der Lage, einfache Erste-Hilfe-Maßnahmen zu lernen und umzusetzen. Im Skigebiet ist in der Regel schnell professionelle Hilfe vor Ort, trotz allem kann es notwendig sein, dass erste Maßnahmen (z.B. Blutstillung, richtige Lagerung) durchgeführt werden müssen, um der verletzten Person zu helfen.

Ansprechen: 

Sofern keine Gefahr besteht, nähert man sich dem*der Verunfallten und nimmt Kontakt auf. Nähere dich der verletzten Person immer von vorne, berühre sie vorsichtig und sprich sie an „Hallo, was ist passiert?“. Auf diese Weise bekommst du einen ersten Eindruck davon, ob die Person überhaupt ansprechbar ist, ob diese neurologische Defizite aufweist und ob und wo Schmerzen vorhanden sind.

Schmerzreduzierende Lagerung:

Sind die lebensnotwendigen Funktionen alle positiv, das heißt die verunfallte Person atmet und hat einen Kreislauf, führt man ein Bodycheck durch, um Verletzungen zu erkennen. Nach Möglichkeit werden äußere Verletzungen versorgt und der*die Patient*in wird in eine schmerzreduzierende Position gebracht.

Lagerung mit erhöhten Oberkörper

Sollte die verunfallte Person nach einem Sturz über Übelkeit oder Schwindel klagen oder verwirrt erscheinen oder gar erbrechen, deutet das auf eine mögliche Kopfverletzung hin. In diesem Fall ist der*die Patient*in mit erhöhten Oberkörper bzw. sitzend zu positionieren. Generell ist diese Lagerung bei allen Problemen von Brustkorb aufwärts zu empfehlen (z.B. bei Verletzungen am Brustkorb, Atemproblemen, Herzinfarkt und Verletzungen am oder im Kopf).

Lagerung mit erhöhten Beinen

Bei Patient*innen mit stark beeinträchtigtem Kreislauf kann durch eine Hochlagerung der Beine eine Verbesserung der Kreislaufsituation erreicht werden. Hierzu wird der*die Patient*in flach am Rücken mit erhöhten Beinen gelagert.

Stabile Seitenlage

Bei bewusstlosen oder stark bewusstseins-eingetrübten Patienten wird eine stabile Seitenlage durchgeführt. Dadurch sollen einerseits die Atemwege offengehalten und andererseits der*die Patient*in vor einer Aspiration (Fließen von Erbrochenem oder Blut in die Lunge) geschützt werden. Da oftmals ein Wirbelsäulentrauma nicht auszuschließen ist, muss der Patient achsengerecht (ohne Verdrehung der Wirbelsäule) in die stabile Seitenlage gebracht werden.

Dazu wird im ersten Schritt das Knie des Patienten zur Hand der gleichen Seite geführt, ohne dabei die Wirbelsäule zu bewegen. Dann erfolgt das achsengerechte Drehen auf die Seite. Schließlich wird der Mund des Patienten geöffnet und in Richtung Boden gedreht, sodass Sekrete abfließen können.

Oft ist es hilfreich, den Kopf des Patienten durch das Unterlegen der oberen Hand zu stützen.

Erweiterte Erste-Hilfe-Maßnahmen:

Auch auf der Skipiste kann es zu schwerwiegenderen Verletzungen kommen und es müssen bereits vor dem Eintreffen der organisierten Rettung weitere Erste-Hilfe-Maßnahmen durchgeführt werden. Mithilfe des cABCDE-Schemas kann man das größte Problem der verletzten oder erkrankten Person gut erkennen. Man folgt einem klaren Schema – denn ohne A kein B und ohne B kein C. Wenn sich die Lage des*der Patienten*in ändert, startet man wieder bei A. Wenn sich die Lage an der Unfallstelle wie z. B. Uhrzeit, Witterung, Ressourcen verändert, wird die Sicherheit und Situation neu beurteilt. Hier bietet sich ein 10 für 10 an, um die neue Lage zu erkennen und auch entsprechend zu agieren. Mehr dazu hier.

05

Unterstützung der Pistenrettung

Wenn sich die Pistenrettung nähert, sollte man auf sich aufmerksam machen und diese bestmöglich unterstützen. Die Pistenretter*innen fragen nach allen Informationen zum Unfallhergang, die sie benötigen. Eine kurze Information über das Geschehene und über die Situation ist in der Regel ausreichend. Bleib als Erst-Helfer*in vor Ort, sei aber dem Team der Rettung nicht im Weg – wenn diese deine Unterstützung benötigen, werden sie dir Anweisungen geben.

06

Fazit

Wie gut deine Erste-Hilfe-Maßnahmen sind, kann mitentscheiden, wie ein Notfall für die verletzte oder erkrankte Person ausgeht. Dabei kann schon das rechtzeitige Absetzen eines Notrufes eine enorm wichtige Maßnahme sein. Wer sich von Jugend an immer mit Erste-Hilfe-Maßnahmen auseinander setzt, wird bald gut damit umgehen können, und wer dazu regelmäßig mögliche Szenarien auf der Piste durchspielt, wird im Ernstfall selbstsicher und kompetent reagieren können.

Titelbild: © snow institute | LWD Tirol