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Statische und dynamische Informationen
Für die Erstellung einer möglichst präzisen Beurteilung der Lawinensituation ist es entscheidend, über ein umfassendes Wissen zum eigenen Beurteilungsgebiet zu verfügen. Dazu gehören Kenntnisse über Lawinenbahnen, lokale Geländemerkmale sowie die vorherrschenden Wetterbedingungen und deren Zusammenspiel.
Besonders zu gewichten sind diesbezüglich Kenntnisse über frühere Lawinenereignisse und somit über das Geländepotential in bestimmten Situationen. Nichtsdestotrotz ist es für Lawinenkommissionen unerlässlich, Informationen aus einer Vielzahl zuverlässiger Quellen einzuholen. Im Zuge dessen spricht man bei statischen Informationen von Daten, welche sich nicht in kurzen Intervallen (z.B. täglich) ändern, wie zum Beispiel:
- Gefahrenzonenpläne (siehe Kapitel „Räumliche Planungsinstrumente“)
- Lawinenkataster (siehe Kapitel „Räumliche Planungsinstrumente“)
- Waldkarten
- Hangneigungskarten
- ….
Dynamische Information hingegen beziehen sich auf Daten, die sich rasch oder in regelmäßigen (kurzen) Abständen ändern. Beispiele hierfür sind:
- Wetterdaten: Wettervorhersagen sowie Rohdaten, die von Wetterstationen im Kommissionsgebiet oder in anderen relevanten Gebieten erhoben werden
- Schnee- und Lawinendaten: Die regionale Lawinenprognose und Schneesimulationsmodelle.
- Webcams
- Beobachtungen:
Tägliche Beobachtungen: Daten von festen Mess- und Beobachtungsstationen (z. B. Schneemessfelder)
Gelegentliche Beobachtungen: Beobachtungen von Fachpersonen und Freizeitsportlern, welche über Plattformen wie SNOBS, AINEVA oder andere, wichtige Informationen zur Schneedecke und Lawinen liefern. - Lawinenszenariokarten: Karten, die mit dem Lawinenbericht verknüpfte Lawinensimulationsergebnisse darstellen.
- Warnlagebericht Lawinen: Hierbei handelt es sich um ein Prognoseinstrument des italienischen Zivilschutzes, wobei das Lawinenrisiko für besiedeltes Gebiet auf regionaler Ebene bewertet wird.
02
Vorgehensweise im Arbeitsschritt Wahrnehmung
In der Phase Wahrnehmen der Lawinenkommissionen kann hier wiederum in zwei Arbeitsschritte unterschieden werden: erstens das Verständnis und das richtige Interpretieren aller Verfügbaren Daten, wie oben beschrieben, und zweitens die Durchführung zusätzlicher Beobachtungen vor Ort, wenn dies notwendig ist.
Das hier dargestellte Flussdiagramm zeigt einen Großteil des Arbeitsablaufs von Lawinenkommissionen. Die beiden ersten Schritte – “täglicher Basischeck” und “Check im Gelände” – sind hier Bestandteil des Wahrnehmungsprozesses. In vielen Fällen lässt sich eine potenzielle Lawinengefahr bereits durch die Auswertung der verfügbaren Daten erkennen (im täglichen Basischeck). Somit kann auf die Frage, ob ein “(mögliches) Lawinenproblem” besteht meist relativ rasch mit “JA” oder “NEIN” beantwortet werden. Im nächsten Schritt ist vorgesehen, falls mit “JA” beantwortet, dies mithilfe von Geländebeobachtungen zu verifizieren.
Feldbeobachtungen erfordern den Einsatz der Lawinenkommissionen und stellen einen entscheidenden Schritt dar, um die aus verfügbaren Datenquellen – wie etwa der regionalen Lawinenvorhersage – gewonnenen Informationen zu validieren, zu hinterfragen oder zu bestätigen. Diese Beobachtungen können sich deutlich von jenen unterscheiden, die von nicht professionellen Nutzern gemacht wurden.
Beobachtungen umfassen die Durchführung von Schneeuntersuchungen an Standorten, die sowohl repräsentative Bedingungen als auch ausreichende Sicherheit bieten. Diese Untersuchungen können Schichtprofile und Temperaturprofile sowie Stabilitätstests der Schneedecke beinhalten. Einfache Beobachtungen wie z.B. die Kontrolle, ob der Schnee trocken oder nass ist, kann auch bereits eine wertvolle Information für Lawinenkommissionen sein (siehe „Grundlage der Schneedeckenanalyse“).
Zu den “speziellen” Beobachtungsmethoden, die von Lawinenkommissionen eingesetzt werden, gehören unter anderem Schneepegel. Dabei handelt es sich um bemalte Holzstäbe mit abwechselnd gelben und schwarzen Markierungen, die jeweils typischerweise 50 cm hoch sind und somit eine visuelle Abschätzung der Schneehöhe ermöglichen. Mittels regelmäßiger Kontrolle der Pegel lässt sich die Zu- und Abnahme der Schneemächtigkeit im Verlauf des Winters beurteilen. Sie werden an strategischen, gut sichtbaren Standorten installiert, etwa auf offenen Hängen, Graten oder Kuppen. Die dazugehörigen Beobachtungsstandorte befinden sich in der Regel an sicheren Standorten auf der gegenüberliegenden Hangseite oder im Talboden. In einigen Fällen können die Schneepegel auch über Webcams oder während Helikopterinspektionen überwacht werden.


Auch aktive Schutzmaßnahmen können wertvolle Informationen liefern: Die Menge und Verteilung des von diesen Bauwerken zurückgehaltenen Schnees geben Aufschluss über die Dynamik der Schneedecke und ihre Entwicklung im Verlauf der Wintersaison.
Weitere Beobachtungen im Gelände können die fotographische Dokumentation relevanter Details umfassen, wie beispielweise lokal begrenzte Schneeverfrachtungen oder -ansammlungen, Ablagerungen an Bäumen oder Gebäuden, das Vorhandensein von Wechten, Hinweise auf Windaktivität an der Schneeoberfläche (z.B. Sastrugi) sowie Meldungen über aktuelle oder kürzlich abgegangen Lawinen.
Nach der Bewertung der aktuellen Bedingungen – und gegebenenfalls der Durchführung erforderlicher Feldbeobachtungen – folgt als nächster Schritt eine detaillierte Beurteilung der Situation. Dabei steht insbesondere die Bestimmung des aktuellen Lawinenrisikos im festgelegten (d.h. im Zuständigkeitsbereich der Lawinenkommission) im Fokus. Der Bewertungsprozess wird im Artikel „Beurteilung: Referenzszenarien, Schwellenwerte, operative Grenzen und Unsicherheiten” (Vermerk –> ist Kapitel F.3.3) beschrieben.