Dieser Artikel ist über:
01
Grundlagen der Kommissionsarbeit
Lawinenkommissionen, unabhängig in welcher Region, obliegt die Beurteilung der lokalen Lawinensituation. Als beratendes Organ stehen diese im engen Austausch mit Entscheidungsträgern, wie z.B. Bürgermeistern oder Betreibern von Skigebieten. Grundlage dieser Beurteilungen ist, dass:
- Einschätzungen auf Basis von Fakten zu begründen sind,
- Maßnahmen entsprechend der lokalen Gefährdung zu empfehlen sind,
- die Arbeit der Lawinenkommissionen zu dokumentieren ist.
Die Aufgabe der lokalen Beurteilung differenziert die Arbeit der Lawinenkommission auch eindeutig von jener des Lawinenwarndienstes (siehe “Lawinenwarnung vs. Lawinenkommissionen”). Aufgrund dieser räumlichen Diskrepanz können Beurteilungen der örtlichen Lawinenkommissionen auch von der regionalen Gefahreneinschätzung abweichen, ohne dass sich diese Einschätzungen widersprechen müssen. Demzufolge bieten die vom Lawinenwarndienst publizierten Informationen eine wertvolle Beurteilungsgrundlage für die Lawinenkommissionen.
In Tirol wurde vor einigen Jahren ein Arbeitsablauf entwickelt, der sich an vier etablierten Arbeitsschritten orientiert. Dieser Arbeitsablauf ist eingebettet in ein ganzheitliches Konzept zum Risikomanagement der Lawinenkommissionen und ist jeweils vollständig zu dokumentierten.
Der Relevanz der einzelnen Schritte der Kommissionstätigkeit geschuldet werden diese in einzelnen Kapiteln im Detail angesprochen:
02
Von der Praxis zur Theorie: das konzeptionelle Risikomanagementmodell
Zur Illustration der Komplexität des Lawinenrisikos und des Umgangs mit diesen werden die genannten Arbeitsschritte nochmals in Form eines detaillierteren und strukturierteren Prozesses dargestellt. Hierbei werden die Planungsaktivitäten (in Violett) und operative Maßnahmen (in Gelb) miteinander verbunden. Die parallelen Abläufe dieses Prozesses umfassen die Bewertung der Gefahr, die Bestimmung von Präventions‑ und Schutzstrategien, die Umsetzung von Schutzmaßnahmen sowie die Organisation der Reaktionsabläufe im Falle eines Ereignisses.
Das nachfolgende Diagramm erläutert und erweitert die oben genannten grundlegenden Arbeitsschritte:
- Wahrnehmen: Vorphase zum Verständnis der Situation. Dazu gehört, den allgemeinen Kontext der Lage zu klären und das Gelände genauer zu betrachten.
- Beurteilen: die Beurteilung des Risikos gliedert sich wiederum in drei Unterphasen: Risikoidentifikation, Risikoanalyse und Risikobewertung.
- Handeln: Für Lawinenkommissionen besteht diese Phase darin, den Entscheidungsträgern die jeweils am besten geeigneten Maßnahmen zu empfehlen. Dieser Prozess erfordert notwendigerweise eine ständige Kommunikation und Abstimmung – sowohl innerhalb der Kommission als auch mit externen Beteiligten (z. B. Bürgermeister, Skigebietsbetreiber, Öffentlichkeit) – mit dem Ziel, das Risiko angemessen zu behandeln
- Kontrollieren und Dokumentieren: Monitoring und Dokumentation sind in allen Arbeitsschritten erforderlich, nicht zuletzt um die Transparenz und Wirksamkeit der einzelnen Arbeitsschritte sicherzustellen.
Prozess des Lawinenrisikomanagements: In der Mitte des Diagramms sind die parallelen Abläufe illustriert, welche die Planung oder die operativen Tätigkeiten ansprechen © CAA | snow.institute
Mit diesem Ansatz lässt sich das Lawinenrisiko systematisch erfassen, da wissenschaftliche Erkenntnisse gezielt mit technischen und raumplanerischen Instrumenten kombiniert werden. Ziel ist es, die Wahrscheinlichkeit des Eintritts eines schädlichen Ereignisses und/oder die Schwere seiner Auswirkungen im Falle eines Eintretens zu verringern.
Das nachfolgende Schema stellt einen ähnlichen, auf europäischer Ebene entwickelten (EAWS), Arbeitsablauf der lokalen Lawinenkommission (ortsspezifische Lawinenwarnung – site specific warning service) sowie die Rolle der für das Risikomanagement verantwortlichen Akteure (Risikoverantwortlichen) dar. Der Prozess beginnt ebenfalls mit der Bewertung der aktuellen Lage, die auf der systematischen Erfassung, Verarbeitung und Dokumentation relevanter Daten basiert. Anhand dieser wird auf lokaler Ebene eine Lawinenvorhersage für die darauffolgenden Tage erstellt, um den Risikoverantwortlichen über die aktuelle bzw. zu erwartenden Situation in Form von Trefferwahrscheinlichkeiten von Lawinen zu informieren. Aufbauend auf einem vorab ausgearbeiteten Handlungsplan, werden in einem letztem Schritt die von der Kommission empfohlenen Schutzmaßnahmen von den Risikoverantwortlichen umgesetzt.
Eine grundlegende Unterscheidung betrifft die operative Frequenz: Lawinenkommissionen sind nahezu durchgehend im Einsatz und kontrollieren das Gebiet täglich – auch bei risikoarmen Bedingungen. Die Risikoverantwortlichen werden hingegen nur in regelmäßigen Intervallen oder bei besonderen Ereignissen aktiv.
Der Arbeitsablauf ist entsprechend den jeweiligen Zuständigkeiten strukturiert:
- Die technische Rolle der Kommission: Die Arbeit der Lawinenkommission endet, sobald Empfehlungen samt dazugehörige Informationen zu möglichen Ereignissen (Wahrscheinlichkeit eines Schadens) an den/die Risikoverantwortlichen übermittelt wurden (Beispielszenario im Bild unten).
- Der Risikoverantwortliche: bildet die administrative Einheit (z. B. der Bürgermeister), die für die Bewältigung kritischer Situationen zuständig ist. Auf Grundlage der fachtechnischen Informationen legt er den weiteren Handlungsverlauf fest und überführt diesen in konkrete Maßnahmenpläne. Zudem ist er die Instanz, die die Umsetzung der Schutzmaßnahmen anordnet – etwa Straßensperren oder künstliche Lawinenauslösungen – und dabei auf zuvor definierte Sicherheitsprotokolle und Einsatzpläne zurückgreift.
03
Methodische Entscheidungsfindung
Wie beschrieben müssen Lawinenkommissionen in ihrer Tätigkeit als lokale Risikomanager stets Entscheidungen treffen. Aus diesem Grund soll hier abschließend auf diverse methodische Ansätze zur allgemeinen Entscheidungsfindung eingegangen werden.
Die Stärke von Kommissionsmitgliedern liegt diesbezüglich wahrscheinlich in der Kombination von Erfahrungswerten, lokalen Kenntnissen und die Anwendung genau jener Ansätze.
Unterschieden wird in die folgenden drei Arten der Entscheidungsfindung:
Analytische Entscheidungsfindung
Bei der analytischen Entscheidungsfindung geht es in erster Linie um das möglichst objektive Wahrnehmen und Beurteilen von Daten und Fakten im Gelände. Typischerweise gehört das Erstellen und systematische Interpretieren eines Schneeprofils zur analytischen Lawinenkunde oder die Konsultation der Lawinenvorhersage.
Probabilistische Entscheidungsfindung
Die probabilistische Entscheidungsfindung basiert auf der Kombination von Wahrscheinlichkeiten, die auf Mustern beruhen, mit dem Hintergrund, dass komplexe Situationen – mit vielfach unvollständiger Informationslage – einfache Denk- und Handlungsstrukturen erfordern. Der bekannteste Vertreter dieser Methodik ist Werner Munter, der dazu mehrere Reduktionsmethoden entwickelt hat (z. B. Professionelle Reduktionsmethode, Bierdeckel …).
Intuitive Entscheidungsfindung
Vor allem Experten mit großer Erfahrung (wie z.B. langjährige Lawinenkommissionenmitglieder) treffen Entscheidungen nicht selten auf Basis ihrer Intuition. Intuition ist die Fähigkeit, gute Entscheidungen aus dem „Bauch“ heraus zu treffen, ohne die zugrundeliegenden Zusammenhänge explizit zu verstehen oder erklären zu können. Intuition hat einen Zusammenhang mit der „inneren“ Logik der Gegebenheiten und früheren Erfahrungen. Als grundlegende menschliche Kompetenz verstanden, ist Intuition die zentrale Fähigkeit zur Informationsverarbeitung und zur angemessenen Reaktion bei großer Komplexität der zu verarbeitenden Situation.
Literatur:
Dieser Artikel beruht auf folgenden Publikationen:
CAA, 2016, TECHNICAL ASPECTS OF SNOW AVALANCHE RISK MANAGEMENT: Resources and Guidelines for Avalanche Practitioners in Canada, Canadian Avalanche Association gemäß ISO 31000:2018.
- EAWS, 2022, Site-specific avalanche warning, Definitions and Recommendations. Version 2.0, European Avalanche Warnin Services.