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Orientierung im Gelände und der Umgang mit (digitalen) Karten 

26.06.2023

Als Orientierung wird die Fähigkeit bezeichnet, sich im Gelände zurechtzufinden. Das bedeutet, dass man sowohl weiß, wo man sich gerade befindet, als auch wo man hinmuss. Bei guter Sicht und Geländekenntnissen benötigt man zur Orientierung beim Freeriden oder Tourengehen also „nur“ einen guten Überblick über das Gelände. Achtung! Das soll natürlich nicht heißen, dass man auf die diversen Karten- und Navigations-Apps verzichten soll – im Gegenteil! Allerdings benötigen intelligente Produkte auch intelligente Anwendende. User*innen müssen wissen, welche Infos in der App besonders gut darstellbar sind und welche Informationen besser direkt aus dem Gelände bezogen werden sollten.

In diesem Beitrag geht es um:

01

Topografische Karten

Im Gegensatz zu thematischen Karten wie Skigebiets- oder Straßenkarten beinhalten topografische Karten alle Detailinformationen zu einem bestimmten Gebiet. Sie bilden die Geländeformen (Topografie) der Erdoberfläche und deren natürliche und künstliche Bedeckung ab. Siedlungen, Verkehrswege, Gewässer, Bodenbedeckung, Grenzen und Reliefformen und weitere Erscheinungsformen, die zur Orientierung notwendig sind, werden in topografischen Karten dargestellt und durch Beschriftungen erläutert. Alle Objekte werden entsprechend dem Kartenmaßstab lagerichtig und vollständig wiedergegeben. Topografische Karten erlauben dadurch eine sehr gute Einschätzung des Geländes. Das heißt, aus ihnen sind Informationen über Höhenlagen, Steilheiten, Expositionen und Oberflächenformen beziehbar. Allerdings ist eine topografische Karte je nach Machart mehr oder weniger schwer zu lesen, d. h. mit der Realität in Übereinstimmung zu bringen.

EXKURS: Kartenmaßstab

Topografische Karten haben einen Maßstab zwischen 1:25 000 und 1:100 000, wobei Wander- und Skitourenkarten meist einen Maßstab von 1:25 000 oder 1:50 000 haben. Das bedeutet, dass 1 cm in der Karte 25 000 cm also 250 m in der Wirklichkeit entspricht.

02

Skigebiets-Übersichtstafeln

Diese Tafeln geben einen tollen und abstrahierten – und daher schnell zu erfassenden – Überblick, wie ein Skigebiet aufgebaut ist, wo welche Abfahrt bzw. Variante hinführt, wo sich die Liftstationen und Hütten befinden, wie die umliegenden Gipfel/Täler heißen usw. Einen bei solchen Tafeln häufig aufliegenden Folder einzustecken ist eine super Idee, zumal dort auch die wichtigsten Telefonnummern für Notfälle und weitere Infos abgedruckt sind.

Die Übersichtstafeln/Pistenpläne von Skigebieten sind thematischen Karten, die dir einen Überblick über die Pisten, Lifte, Hütten, aber auch über Schutzgebiete, Wälder o. Ä. geben. © snow institute
Die Übersichtstafeln/Pistenpläne von Skigebieten sind thematischen Karten, die dir einen Überblick über die Pisten, Lifte, Hütten, aber auch über Schutzgebiete, Wälder o. Ä. geben. © snow institute

Auf oder neben Übersichtstafeln sind in vielen Freeridegebieten außerdem aktuelle Infos zur Lawinensituation, Schneelage, Temperatur etc. zu finden. Die Tafeln eignen sich gut als Sammelpunkte und bieten Gelegenheit, den nächsten Run bzw. den Tagesplan mit allen Gruppenmitgliedern zu besprechen und z. B. Gebietsneulinge auf die lokalen Gegebenheiten (Gebietsnamen, Gräben, aus denen man nicht mehr herauskommt, etc.) hinzuweisen. 

03

Digitale (topografische) Karten

Digitale Karten bieten einen idealen Kompromiss zwischen detaillierter Darstellung und Praxistauglichkeit. So ist – im Gegensatz zu jeder Papierkarte – die Standortbestimmung jederzeit sehr genau möglich (solange die Signale von mindestens vier GPS-Satelliten empfangen werden). In Kombination mit den verschiedenen Kartenlayern, die Auskunft über Steilheit, Exposition etc. geben, und der Möglichkeit von 3D-Darstellungen ist es recht einfach, diesen Standort ins reale Gelände zu übertragen und sich auf die weitere Abfahrt vorzubereiten. Nicht zuletzt die recht banale Zoom-Funktion hilft vielen, sich einen groben Überblick über das komplette Gebiet zu verschaffen. Außerdem eignet sie sich auch als gute Hilfe für kleinräumige Entscheidungen (z. B. Was befindet sich unter mir? Komme ich hier weiter oder ist hier ein unüberwindbarer Felsabsatz?). Dass spezifische Layer, die z. B. Ruhezonen, Wildschutzgebiete etc. anzeigen, mehr Infos bieten, als in der Natur mit freiem Auge erkannt werden kann, sei nur am Rande erwähnt. Ein echter Mehrwert!

Beim Freeriden ist eine klassische Karte in Papierform nützlich, um sich einen Überblick über das gesamte Gebiet zu verschaffen. Zur konkreten Touren- bzw. Abfahrtsplanung oder als Orientierungshilfe im Gelände eignen sich digitale Karten aber deutlich besser. Tourenportale oder Karten-Apps helfen dabei, eine schnelle und sehr genaue Planung durchzuführen. Dazu vermitteln sie eine gute Vorstellung über das zu erwartende Gelände und mögliche Hindernisse. 

Durch die Möglichkeit, die Karten herunterzuladen und offline zu nutzen, sind sie auch ohne Netzempfang im Gelände zur Navigation einsetzbar. Im Idealfall lädt man sich auch den genauen Track der geplanten Route herunter. Dies ist vor allem auch in Hinsicht auf die Akku-Belastung empfehlenswert – denn Offline-Karten können auch im Flugmodus verwendet werden, was die Akku-Laufzeit enorm verlängert (was im Notfall wiederum sehr essenziell ist).

Die Grundlagen zum Lesen und richtigen Interpretieren topografischer Karten müssen aber nichtsdestotrotz beherrscht werden. Auch die beste App hilft wenig, wenn der*die User*in die Informationen nicht verstehen und einordnen kann. Die bestmögliche digitale Verwendung von topografischen Karten in Apps verlangt Hintergrundwissen, auch die Datengrundlage bzw. Art der Darstellungen (Aktualität, Auflösung, Seriosität …) muss beurteilt werden können. Dieses Wissen und den bestmöglichen Umgang mit digitalen Karten erlangt man, indem man sich damit beschäftigt. Vergleiche verschiedene Karten miteinander, probiere aus, was welche Karte kann und wie die einzelnen Funktionen anzuwenden sind.

Tatsächlich gibt es nur einige wenige Karten-Apps, die sich zum Freeriden optimal eignen – und dann meistens auch nur in der kostenpflichtigen Bezahlversion.

Es ist empfehlenswert, sich – am besten in der ganzen Freundesgruppe – für eine Karten-App zu entscheiden und in der Planung auch über diese zu kommunizieren (geplante Lines versenden, Kommentare einholen, Ausrüstung besprechen …). Nur wenn eine Karten-App regelmäßig verwendet und laufend upgedatet wird, kann sie in der Planung und im Gelände verlässlich eingesetzt werden. Das oft notwendige Herunterladen der benötigten Kartendaten für den Offline-Gebrauch mit den gewünschten Layern, Routendaten etc. ist nicht immer ganz einfach und erfordert eine gewisse Routine.

Es gibt diverse Tutorials der verschiedenen Apps, in denen die Funktionen und Grenzen gut beschrieben sind. So gut wie alle qualitativen Karten-Apps sind in der Lage, folgende Informationen anzuzeigen: 

Höhenlinien:

Höhenlinien (Isohypsen) lassen eine relativ genaue Einschätzung des Geländes zu. Sie geben Aufschluss über die absolute Höhe, die Hangausrichtung (Exposition), die Geländeform sowie die Steilheit. In manchen Fällen lässt sich aus ihnen auch noch die Oberflächenbeschaffenheit (Fels, Wald, Wiese etc.) ablesen, wenn die Linien entsprechend eingefärbt sind. Während die absolute Höhe sehr einfach an den Höhenschichtlinien abgelesen werden kann, ist die Bestimmung der Exposition gar nicht so einfach.

Wie kannst du im Gelände erkennen, auf welcher Höhe du dich in etwa befindest?

Das ungefähre Abschätzen der Höhe und Exposition sollte auch ohne Smartphone möglich sein. Ein guter Anhaltspunkt dafür ist die Waldgrenze, die in den europäischen Alpen ungefähr bei 1.800 m Höhe liegt. Einzelne Bäume können auch bis 2.000 bzw. teilweise 2.200 m (= Baumgrenze) wachsen.

Exposition:

Die Exposition oder Hangausrichtung beschreibt, in welche Himmelsrichtung ein Hang ausgerichtet ist. Nordhänge laufen entsprechend nach Norden aus und liegen während der Wintermonate vollständig im Schatten. In (steilen) Südhängen hingegen ist die Sonnenstrahlung besonders intensiv. Diese sind im Spätwinter besonders anfällig für eine starke Durchfeuchtung und daraus resultierende Nassschneelawinen. Auch bei der Bestimmung der Hangexposition können Karten-Layer gute Dienste leisten – allerdings sollte das jede*r Wintersportler*in im Gelände auch eigenständig bestimmen können.

Wie kannst du im Gelände erkennen, welche Exposition ein Hang hat?

Die Exposition ist am einfachsten anhand des Sonnenstandes bestimmbar. Während Osthänge in der Früh Sonne bekommen, werden Westhänge erst mit Tagesende beschienen. Südhänge sind vor allem um die Mittagszeit exponiert, während Nordhänge praktisch den gesamten Winter über gar keine Sonne abbekommen.

Hangneigungslayer: 

Dieser Layer in einer digitalen Karte gibt Aufschluss über die Steilheit des Geländes. Die Hangneigung wird in der Karte farbig dargestellt – wobei je dunkler, umso steiler bedeutet. Gelände mit einer Hangneigung unter 30 Grad wird meist nicht eingefärbt. 

Satellitenbild:

Um möglichst genaue Informationen zur Oberflächenbeschaffenheit zu bekommen, gibt es die Möglichkeit, ein Satellitenbild als Kartenlayer einzublenden. Es erleichtert durch Anhaltspunkte wie alleinstehende Bäume oder Felsen häufig die Orientierung und kann beim Freeriden oft hilfreich sein, um z. B. die Vegetation besser einschätzen zu können. 

3D-Darstellungen:

Wenn man von 3D-Karten spricht, kommt man um Fatmap nicht herum. Keine andere digitale Karte ermöglicht eine dermaßen genaue und realitätsnahe Ansicht des Geländes. Abfahrten und Rinnen können damit bereits im Vorfeld genau erkundet werden – mögliche Steilstufen und Geländefallen erkennt man auf diese Weise häufig besser als in topografischen Karten. Das Gelände ist in einer 3D-Darstellung kombiniert mit einem Satellitenbild extrem realitätsnah und ermöglicht es, schwierige Geländeabschnitte genau zu inspizieren, um eine bessere Vorstellung davon zu bekommen.

Lawinengeländekarten:

Einige Kartenanbieter bieten auch spezielle Lawinengeländekarten an. Diese sind wesentlich komplexer generiert (und basieren auf Rechenmodellen) und sind für Freerider*innen extrem wertvoll. „Skitourenguru“ und „White Risk“ bieten solche Kartenlayer an, die nicht nur die Hangneigung, sondern auch Geländeform, Oberflächenbeschaffenheit, Hanggröße usw. mit einbeziehen und dazu zusätzliche Informationen wie typische Anrissgebiete, Auslaufzonen oder Bereiche für Fernauslösungen anzeigen. 

Folgende themenspezifische Layer werden bereits schon jetzt teilweise in bestimmten Apps oder für ausgewählte Gebiete angezeigt, wobei eine Ausdehnung auf weitere Gebiete bzw. eine breitere Verwendung in verschiedenen Apps zu erwarten ist:

ATES:

Je nach App/Region automatisch erstellte oder händisch definierte Darstellung der drei Klassen in der „Avalanche Terrain Exposure Scale“. Die „Avalanche Terrain Exposure Scale„ (ATES) von Parks Canada klassifiziert das Gelände – und nicht den Schneedeckenaufbau – bezüglich einer potenziellen Lawinengefahr. Entsprechende Geländekarten sind in Nordamerika üblich und finden auch im Alpenraum langsam Verbreitung. Sie eignen sich hervorragend, um das Lawinenrisiko im freien Gelände mit einem Blick in die drei folgenden Kategorien einzuordnen:

  • Klasse1 „simple/einfach“
  • Klasse 2 „challenging/anspruchsvoll“
  • Klasse 3 „complex/komplex“

Relevante Parameter wie Hangneigung-/form, Bewaldung, Geländefallen, Lawinenwahrscheinlichkeit/Jahr, Charakteristika zu Anriss-/Ablagerungszone und Lawinenbahn, Routenalternativen, Expositionszeit und Vergletscherung werden in einer ausführlichen technischen Tabelle definiert, aber auch in einer einfachen Version für die breite Masse. Mehr Details gibt es hier. 

CAT:

Die Karte des „Thematisch klassiertes Lawinengelände“ (Classified Avalanche Terrain, CAT) unterteilt das Lawinengelände thematisch in Anrissgebiet mit roten Farben und in Auslaufgebiet in blau und gelb. Rot zeigt das potenzielle Anrissgebiet zwischen 30 und 50 Grad Hangneigung. Je dunkler der rote Farbton, desto wahrscheinlicher ist ein Lawinenanriss. Das potenzielle Auslaufgebiet ist mit drei Blautönen und gelb eingefärbt. Je dunkler das Blau, desto wahrscheinlicher ist eine Fernauslösung im Falle eines ungünstigen Schneedeckenaufbaus (typisch bei Altschneeproblem). Die gelbe Farbe zeigt den möglichen Auslauf einer großen (Größe 3), trockenen Schneebrettlawine mit durchschnittlicher Anrissmächtigkeit von 50 cm. 

Digitale Karte mit dem thematischem Lawinengelände CAT (calssified avalanche terrain). © WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF
Digitale Karte mit dem thematischem Lawinengelände CAT (calssified avalanche terrain). © WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF

ATH:

Die „Gefahrenhinweiskarte Lawinengelände“ (Avalanche Terrain Hazard, ATH) zeigt, wie gefährlich das Gelände generell bezüglich Lawinen ist. Dabei werden das Potenzial für Lawinenanriss und Fernauslösung mit den möglichen Konsequenzen durch Verschüttung oder Absturz kombiniert. Der Layer besteht aus kontinuierlichen Werten, die anhand eines Farbverlaufs dargestellt sind. Je höher der Wert, desto gefährlicher ist das Gelände hinsichtlich Lawinen. Im Gegensatz zur CAT-Karte kann hier nicht thematisch zwischen Anriss- und Auslaufgebiet unterschieden werden.

Digitale Karte Gefahrenhinweis Lawinengelände ATH (avalanche terrain Hasard). © WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF
Digitale Karte Gefahrenhinweis Lawinengelände ATH (avalanche terrain Hasard). © WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF

ACHTUNG: Diese Lawinengeländekarten bzw. -layer und generell die digitale wie analoge Darstellung von (Lawinen-)Gelände haben Grenzen und sind mit Einschränkungen behaftet. So sind z. B. bestimmte Lawinengelände-Layer nur für eine bestimmte zu erwartende Lawinengröße oder bis zu bestimmten Steilheiten berechnet und dargestellt. Wie immer gilt es, sich vor der Anwendung eines Produktes intensiv damit auseinanderzusetzen!

04

Hilfreiche Apps zur Touren- und Routenplanung

Titelbild: © snow institute

Lehrmaterial zum Thema: