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Notfall Lawine: Erste Hilfe bei Lawinenunfällen

26.06.2023

Mehr als die Hälfte aller Personen, die an Lawinenereignissen beteiligt sind, verletzen sich nicht oder nur leicht. Etwa 32 Prozent der beteiligten Personen verletzen sich schwer, die Todesrate von erfassten Personen (unabhängig von der Verschüttungstiefe) liegt bei etwa 13 Prozent. Die Prognose bei einer verschütteten Person hängt vorwiegend vom Grad des Sauerstoffmangels und/oder von der Art einer möglichen traumatischen Verletzung ab. In seltenen Fällen kann bei einer Langzeitverschüttung über 60 Minuten auch die Unterkühlung zum Verhängnis werden. 

In diesem Beitrag geht es um:

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Verschüttungsgrad

Das Überleben in einer Lawine hängt vom Verschüttungsgrad und vom Verletzungsgrad der beteiligten Person ab. Bei der Verschüttung wird unterschieden, ob der Kopf einer Person verschüttet ist oder nicht und ob Körper- oder Ausrüstungsteile an der Oberfläche sichtbar sind. Diese Parameter sind ausschlaggebend dafür, wie schnell eine Person geortet, geborgen und versorgt werden kann. Darüber hinaus geben sie Aufschluss darüber, ob die verschüttete Person von Sauerstoffmangel betroffen war oder nicht. Personen, die an einem Lawinenereignis beteiligt waren, werden folgendermaßen unterschieden:

  • Nicht erfasst: Person konnte dem Lawinenereignis entkommen
  • Erfasst, aber nicht verschüttet: Person ist an der Oberfläche der Lawine zum Stillstand gekommen
  • Teilverschüttung – nicht kritisch: Person wurde von der Lawine erfasst und verschüttet, aber der Kopf befindet sich an der Oberfläche
  • Teilverschüttung – kritisch (Ganzverschüttung – sichtbar): Person wurde von der Lawine erfasst und verschüttet; der Kopf ist verschüttet, aber ein anderer Körperteil oder ein Ausrüstungsgegenstand sind an der Oberfläche sichtbar
  • Ganzverschüttung (nicht-sichtbar): Person wurde von der Lawine erfasst und vollständig verschüttet, auch der Kopf befindet sich unter dem Schnee. Die Person ist nicht sichtbar.
02

Folgen einer Lawinenverschüttung

Wird eine Person von einer Lawine mitgerissen, bedeutet das nicht in jedem Fall, dass sie völlig verschüttet ist. Das Österreichische Kuratorium für Alpine Sicherheit (ÖKAS) hat erhoben, dass in den Jahren 2005 bis 2022 146 Personen von einer Lawine erfasst wurden.

Von den 146 Personen wurden:

  • 56 nicht verschüttet*, d.h. sie blieben an der Schneeoberfläche bzw. gelang ihnen die Schussflucht
  • 63 teilverschüttet*, d.h. ein Körper-/Ausrüstungsteil war an der Oberfläche sichtbar
  • 27 ganz verschüttet*, d.h. kein Körper-/Ausrüstungsteil war an der Oberfläche sichtbar und sie mussten mittels LVS (Sondieren) geortet werden.

In der Abbildung unten ist erkennbar, welche Konsequenzen diese Verschüttungsarten haben. Im Mittel sterben ca. 50 Prozent der ganzverschütteten-, ca. sechs Prozent der teilverschütteten- und vier Prozent der nichtverschütteten Personen.

*Note: Achtung diese Zahlen sind nicht nach der obig erklärten Definition der Verschüttungsarten klassifiziert, denn für die Ortung und Bergung durch die Ersthelfer*in vor Ort ist es relevant, ob von der erfassten Person Teile an der Oberfläche sichtbar sind oder nicht. Deswegen wird hier „teilverschüttet“ und „sichtbar ganzverschüttet“ (Kopf unter der Schneedecke, aber Körperteile an der Oberfläche) kombiniert, auch wenn im medizinischen Kontext hier eine andere Unterteilung üblich ist. Unter „ganzverschüttet“ ist dementsprechend „nicht sichtbar ganz verschüttet“ gemeint, es befindet sich also der ganze Körper inkl. Ausrüstung unter der Schneedecke und nicht nur der Kopf.
Lawinenunfall-Statistik - Quelle: ÖKAS © snow institute
Lawinenunfall-Statistik - Quelle: ÖKAS © snow institute
Lawinenunfall-Statistik - Quelle: ÖKAS © snow institute
Lawinenunfall-Statistik - Quelle: ÖKAS © snow institute

Erfreulich ist, dass in den vergangenen zehn bzw. fünf Jahren trotz der enormen Zunahme an Freerider*innen die Zahl der Lawinentoten ebenso sukzessive zurückgegangen ist, wie jene der von Lawinen erfassten bzw. verletzten Personen.

03

Erste Hilfe nach Lawinenabgängen

 

Als ersten Schritt gilt es immer, im Notfallschema bei der Beurteilung der Gefahrensituation im Punkt „Selbstschutz“ realistisch abzuschätzen, ob eine weitere Lawinen-/Absturzgefahr für die Ersthelfer*innen besteht.  Wurde eine Person mitgerissen und ist nicht verschüttet, arbeitet man die Erste-Hilfe-Maßnahmen nach dem ABCDE-Schema ab.

cABCDE-Schema: Erste-Hilfe-Maßnahmen © snow institute
cABCDE-Schema: Erste-Hilfe-Maßnahmen © snow institute

Teilverschüttete Personen müssen meist mehr oder weniger aufwendig aus dem Schnee befreit werden, was z. B. mit einem Snowboard an den Füßen extrem zeitaufwendig sein kann.

Wir gehen hier auf die Besonderheiten von ganz verschütteten Personen ein, bei denen sich der Kopf unter dem Schnee befand, das heißt eine Sauerstoffversorgung des Gehirns unter Umständen nicht möglich war.

Oberstes Ziel ist es, nach der Ortung der verschütteten Person schnellstmöglich den Kopf freizuschaufeln bzw. die Atemwege freizumachen. Dabei können die Ersthelfer*innen mit drei verschiedenen Situationen konfrontiert sein.

Hat man den Kopf freigeschaufelt, gibt es drei Szenarien

Szenario 1: Die Person ist ansprechbar, Atemwege frei, Atmung OK

Die Atemwege (A = Airway) sind frei und die Person ist wach und ansprechbar. Dann sind die körpereigenen Schutzreflexe vorhanden und es droht kein Ersticken. Die Rettungskraft hält ab jetzt den Kopf stabil in Position. Bezüglich der Atmung (B = Breathing) gilt es, schnellstmöglich die Atemqualität (Tiefe, Frequenz, Rhythmus) zu überprüfen. Dazu wird die verschüttete Person auch befragt, ob sie gut Luft bekommt und ob ein tiefes Ein- und Ausatmen schmerzfrei möglich ist. Bezüglich des Kreislaufs (C = Circulation) wird bereits versucht festzustellen, ob und wo starke Blutungen vorhanden sind. Je nach Situation wird entsprechend reagiert: Ist z.B. der Oberschenkel bereits freigeschaufelt und ist dort eine starke Blutung erkennbar, wird diese umgehen gestillt.

Während des Weiteren schonenden Ausschaufeln hält eine Rettungskraft den Kopf der verschütteten Person und verhindert somit Bewegungen im Bereich der Halswirbelsäule, da aufgrund der Dynamik eines Lawinenabganges mit Verletzungen in diesem Bereich gerechnet werden muss. Daneben sorgt sie dafür, dass durch das weitere Ausschaufeln kein Schnee in das Gesicht des Opfers rieselt.

Dem ABCDE-Schema folgt auch ein Punkt Neurologischer Status (D = Disability). Im Best Case fragen wir die verschüttete Person nach ihrem Namen, dem Tag und Datum, dem Unfallort und -hergang. Werden diese Fragen adäquat beantwortet, gilt die verschüttete Person als voll orientiert und es entsteht kein Handlungsbedarf in dieser Hinsicht.

Reagieren werden wir aber hinsichtlich der äußeren Einflüsse (E = Environment). Dem kann bereits jetzt Rechnung getragen werden, indem einer weiteren Auskühlung der verschütteten Person durch eine Mütze, Wärmepack, Daunenjacke etc. vorgebeugt wird. Ist die Person komplett freigeschaufelt, bleibt sie an der Halswirbelsäule weiter immobilisiert, es wird ein Komplettcheck von A bis E durchgeführt und entsprechend reagiert.

Im Idealfall liegen keine Auffälligkeiten vor, und auch wenn die Person „unverletzt“ scheint, ist sie für uns weiterhin kritisch und wird von den Einsatzkräften zur weiteren Überwachung und Diagnostik in ein Krankenhaus gebracht.

Nicht nur jeder Ganzverschüttete muss professionell in ein Krankenhaus abtransportiert werden – durch die Dynamik eines Lawinenabganges sind auch Teil- oder Nichtverschüttete massiven Kräften ausgesetzt. Bei geringsten Zweifeln ist auch hier eine weitere Abklärung notwendig.

Szenario 2: Die Person ist nicht ansprechbar, Atemwege/Atmung kritisch

Die Atemwege (A = Airway) sind frei, die Person ist aber nicht wach und ansprechbar. Darunter fallen auch Verschüttete, die nur stöhnen oder nur auf Schmerzreiz die Augen öffnen. Hier droht ein Ersticken, da die körpereigenen Schutzreflexe nicht oder nur teilweise vorhanden sind. Die Mundhöhle wird kontrolliert und gegebenenfalls freigeräumt. Die Rettungskraft hält ab jetzt den Kopf stabil in Position und wendet das Chinlift-Manöver an: Dabei wird das Unterkiefer nach oben geschoben und verhindert dadurch ein Verlegen der Atemwege durch die Zunge. Ein massives Überstrecken des Kopfes ist dabei nicht notwendig. Abgesehen davon, dass dies die Halswirbelsäule schützt, benötigt man weniger Raum. Somit ist dieses Manöver bei bereits nur teilweise freigeschaufelten Personen möglich.

Die Atmung (B = Breathing) wird bezüglich der Atemqualität mit allen Sinnen überprüft. In diesem Szenario 2 atmet die verschüttete Person eindeutig adäquat.

Nun wird so schnell wie möglich der Oberkörper freigeschaufelt, damit im Falle des Erbrechens ein Logroll durchgeführt werden kann. Dieses Manöver erfordert eine zweite Rettungskraft (Schaufler) und ersetzt die stabile Seitenlage, wenn die verschüttete Person noch nicht komplett freigeschaufelt ist. Es hat zudem den weiteren Vorteil, dass die Wirbelsäule weniger manipuliert wird.

 

Erst jetzt beschäftigen wir uns mit dem Kreislauf (C = Circulation), d.h. wir versuchen festzustellen, ob und wo starke Blutungen vorhanden sind, und reagieren entsprechend. Während des weiteren schonenden Ausschaufelns führt die Rettungskraft den Chinlift fort und kontrolliert permanent A und B, um gegebenenfalls reagieren zu können (Logroll).

Der Neurologische Status (D = Disability) wird hintangestellt, weil A und B relevant sind. Der Situation entsprechend wird der Punkt äußere Einflüsse (E = Environment) berücksichtigt.

Szenario 3: Die Person hat keine Atmung.

Sind die Atemwege (A = Airway) nicht frei, ist keine Atmung möglich. Deswegen wird der Mund- und Rachenraum der verschütteten Person mit den Fingern freigeräumt und der Kopf überstreckt bzw. das Chinlift-Manöver durchgeführt. Das Freiräumen der Atemwege kann unter Umständen dazu führen, dass die Atmung wieder einsetzt. Stellt man bei Atmung (B = Breathing) allerdings trotzdem keine adäquate Atemtätigkeit fest bzw. hat Zweifel bezüglich der Atemqualität, führt man eine Initialbeatmung (5x beatmen) durch. Anschließend muss mit der Reanimation begonnen werden – was bei einer nicht gänzlich freigeschaufelten Person eine Herausforderung darstellt. Deswegen ist es oberste Priorität, die verschüttete Person so schnell wie möglich so weit freizulegen, dass eine Thoraxkompression (Herzdruckmassage) möglich ist.

Das setzt voraus, dass,

  • sich die verschüttete Person in Rückenlage befindet.
  • der Untergrund hart genug ist und nicht nachgibt.
  • die Rettungskraft in eine Position zur verschütteten Person kommt, aus der sie die Kompression durchführen kann.

Muss die verschüttete Person dafür weiter ausgeschaufelt werden, wird in dieser Zeitspanne bereits mit der Notfallbeatmung begonnen:

  • Kopf ist überstreckt
  • Mund-zu-Mund (besser: Mund-zu-Maske)
  • 10-mal pro Minute (alle 6 Sekunden)
  • eine „normale“ Ausatmung bezüglich Volumen und Stärke

Diese Notfallbeatmung dient zur Überbrückung und muss so schnell wie möglich durch eine kombinierte Reanimation im Verhältnis 30 x Herzdruckmassage zu 2 x Beatmung ersetzt werden. Diese ist fortzusetzen, bis man von den Rettungskräften abgelöst wird. Stehen mehrere Helfer*innen zur Verfügung, ist es wichtig, dass man gut untereinander kommuniziert und sich bei der Reanimation abwechselt. Damit stellt man sicher, dass die Qualität der Kompressionen nicht nachlässt.

KEINE ANGST: Man kann nicht zu früh mit einer Reanimation beginnen. Es passiert nicht viel, selbst wenn der*die Patient*in einen Kreislauf und eine Atmung haben sollte.

Mit dem Punkt Kreislauf (C = Circulation) beschäftigen sich freie Hilfskräfte. Das bedeutet, dass bereits während der Reanimation evtl. vorhandene starke Blutungen bestmöglich gestoppt werden. Der Neurologische Status (D = Disability) entfällt und auch auf die äußeren Einflüsse (E = Environment) wird nicht eingegangen, weil eine weitere Auskühlung in diesem Szenario von Vorteil sein kann.

Je nach Situation und Ressourcen ist dieses Szenario aufwendig und ein guter Leader wird maßgeblich dazu beitragen den Überblick zu bewahren, die Rettungskräfte optimal einzuteilen und zu erkennen, welche Maßnahmen Priorität haben.

Wärmemanagement

Sind alle Verletzungen versorgt bzw. gibt es keine Wunden zu versorgen, muss der*die Patient*in vor weiterer Auskühlung geschützt werden. Permanent wird der Status beobachtet, um gegebenenfalls sofort eingreifen zu können.

  • Verwende Mützen, Schals, Kapuzen, damit keine Wärme über den Kopf verloren geht.
  • Die Rettungsdecke soll im Idealfall über der untersten Bekleidungsschicht möglichst flächig den Körper bedecken.
  • Packe die verletzte Person in Daunenjacken, Biwaksack o.Ä. ein.
  • Wenn sicherheitstechnisch gesehen möglich, lege die Person auf Rucksäcke oder einen anderen Schutz, um Kälte von unten abzuhalten.
  • Versuche die Person möglichst geschützt vom Wind zu platzieren. Es können sich z.B. alle Helfenden schützend davorsetzen.
Titelbild: © snow institute | LWD Tirol

Lehrmaterial zum Thema: