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Verständnis von Risiko, Gefährdung, Gefahr, Vulnerabilität und Exposition

05.12.2025

Lawinenkommissionen, als Bestandteil des Zivilschutzes, betreiben Risikomanagement, das sich aus den Komponenten Gefährdung, Exposition und Vulnerabilität zusammensetzt. Deutlich davon abgegrenzt steht der Begriff der Lawinengefahr, der ausschließlich die natürlichen Lawinenverhältnisse beschreibt.

Dieser Artikel ist über:

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Zivilschutz und Lawinenkommissionen

Das Katastrophenschutz- bzw. Zivilschutzsystem ist das koordinierte Zusammenspiel von Strukturen und Fachkompetenzen, die darauf ausgerichtet sind, Notfallsituationen zu verhindern, zu bewältigen und zu überwinden, welche die Sicherheit von Menschen, Sachwerten und Umwelt gefährden. Es wirkt durch Risikoprognose, Prävention und Schadensminderung, Schutzmaßnahmen, Einsatzmanagement sowie die Bewältigung von Notlagen und bezieht dabei öffentliche Institutionen, Einsatzkräfte, Freiwillige und Bürgerinnen und Bürger ein.

Innerhalb dieses Systems spielen Lawinenkommissionen in Gebirgsregionen mit erhöhtem Lawinenrisiko eine zentrale Rolle. Sie bestehen aus Fachleuten und technischen Experten, aber auch aus ortskundigen Personen, die das Gelände sowie die vorherrschenden lokalen (Wetter‑)Bedingungen genau kennen und daher über wertvolle Erfahrung im Umgang mit den spezifischen Herausforderungen verfügen. Die Kommissionen beurteilen das Risiko auf lokaler Ebene und unterstützen Entscheidungsträger bei der Festlegung geeigneter Maßnahmen, etwa bei Straßensperren oder Evakuierungen. Lawinenkommissionen betreiben somit Lawinenrisikomanagement, mit dem Ziel, Schäden und mögliche Opfer zu verhindern und die Exposition und Vulnerabilität der Bevölkerung zu reduzieren

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Das Konzept des Risikos

Risiko kann definiert werden als die Wahrscheinlichkeit, dass ein unerwünschtes Ereignis, wie etwa eine Lawine, eintritt und negative Auswirkungen bzw. Schäden an Gegenständen verursacht, die einer Gefahr ausgesetzt sind. Formal ausgedrückt ist das Risiko die Kombination aus drei wesentlichen Komponenten:

Risiko = Gefährdung x Verwundbarkeit x Exposition

Um diese Zusammenhänge besser zu veranschaulichen, kann ein Diagramm der Risikokomponenten erstellt werden:

Das Zusammenspiel der Komponenten Vulnerabilität, Gefährdung und Exposition resultiert gemeinsam im Risiko - ©A. Gasperi | snow institute
Das Zusammenspiel der Komponenten Vulnerabilität, Gefährdung und Exposition resultiert gemeinsam im Risiko - ©A. Gasperi | snow institute
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Die Risikokomponenten im Lawinenkontext

Durch Siedlungen, diverse Infrastrukturen und verschiedene wirtschaftliche Aktivitäten prägt der Mensch den Alpenraum wesentlich. In diesem Kontext ist es entscheidend, eine klare Unterscheidung zwischen Risiko und Gefährdung (als Risikokomponente) einerseits und Gefahr andererseits zu treffen.

Gefährdung

Eine Gefährdung hat das Potenzial, einen Schaden zu verursachen; diese besteht unabhängig davon, ob ein Schaden eintritt oder nicht. Im Hinblick auf Lawinen könnte dies beispielsweise ein steiler Berghang sein.

Gefahr

Gefahr ist der Zustand, wo ein Schaden unmittelbar bevorsteht. Eine Gefahr ist unmittelbarer als eine Gefährdung. Lawinengefahr ist somit in diesem Sinne die Realisierung der Lawinengefährdung – etwa dann, wenn ein steiler Berghang mit einer kritischen Schneemenge belastet ist und ein Lawinenabgang möglich wird.

Folgende Karte zeigt Lawinenpfade sowie die Ausdehnung potenzieller Lawinen. Inhaltlich sind hier nicht die unmittelbar drohenden Gefahren dargestellt, sondern die Lawinengefährdungen. Die Farbgebung stellt unterschiedliche Lawinengrößen unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit dar. Die Karte zeigt auch die Exposition der Straßen und von Gebäuden, die von kleineren oder größeren Lawinen betroffen sein können. Schlussfolgernd ist jene Infrastruktur, die nur von größeren (und daher selteneren) Lawinen betroffen ist weniger exponiert als jene Infrastruktur, die ebenfalls von kleineren (und daher häufigeren) Lawinen betroffen sein kann.

Schnals (Südtirol) – Gefahrenzonenplan © Geo Browser Provinz Bozen | snow institute

Vulnerabilität

Vulnerabilität ist jene Risikokomponente, die die Anfälligkeit bzw. die Neigung beschreibt, Schaden zu erleiden. Im Kontext der Lawinenkommissionen bezieht sie sich auf die Fragilität von Gebäuden, Infrastrukturen, Seilbahnanlagen, Fahrzeugen, Skifahrern, Fußgängern usw., die sich im Wirkungsbereich der bewegten Schneemassen befinden. Entscheidend ist dabei, deren (strukturelle) Widerstandsfähigkeit bzw. Resilienz gegenüber einem Lawinenereignis zu berücksichtigen. So sind Gebäude in lawinengefährdeten Bereichen besonders vulnerabel – insbesondere an exponierten Wänden, Öffnungen und Dächern. ZB. kann ein Schneepflug weniger vulnerabel sein als ein Pkw, und ein Fußgänger, der an einem Lawinenhang spaziert, kann (etwa gegenüber einer kleinen Gleitschneelawine) stärker gefährdet sein als ein Fußgänger, der sich an der gegenüberliegenden Talseite befindet.

Dieses Gebäude wurde durch eine Lawine stark beschädigt. Betrachtet man die Definitionen der Risikokomponenten, kann darauf geschlossen werden, dass es sich in diesem Fall um ein (hohes) Lawinenrisiko handelte, da

  • eine Lawinengefährdung bestand; andernfalls wäre es zu keinem Lawinenabgang gekommen.
  • das Gebäude exponiert war; andernfalls wäre es nicht betroffen gewesen.
  • das Gebäude verwundbar (vulnerabel) war; andernfalls wäre es nicht (so schwer) beschädigt worden.

Rifugio Pian dei Fiacconi (TN) – Dezember 2020 © PAT Archiv | snow institute

Exposition

Exposition umfasst Personen und Infrastrukturen, die sich in Bereichen befinden, die potenziell von Lawinen betroffen sein können. Die Exposition steht in engem Zusammenhang mit der Wahrscheinlichkeit des Eintreffens eines schadhaften Ereignisses. Eine Straße, die durch steile, grasige Hänge führt, ist beispielsweise mit höherer Wahrscheinlichkeit von Gleitschneelawinen betroffen als eine Straße, die durch einen dichten Wald verläuft. Folglich ist letztere weniger exponiert gegenüber Lawinen. Die Risikokomponenten “Exposition” hat zudem eine zeitliche Dimension: Je länger sich ein Objekt oder eine Person einer Lawinengefährdung aussetzt, desto wahrscheinlicher ist es, von einer Lawine betroffen zu werden. Daher kann die Exposition (und somit das Risiko) auch durch eine Verkürzung der Aufenthaltsdauer reduziert werden.

Die dargestellte Straße quert eindeutig einen Lawinenpfad, in dem an einem Frühlingstag eine Nassschneelawine abgegangen ist. Betrachtet man die Definitionen der Risikokomponenten, kann davon ausgegangen werden, dass die Straßen einem (erhöhten) Lawinenrisiko ausgesetzt war, da

  • eine Lawinengefährdung bestand; andernfalls wäre es zu keinem Lawinenabgang gekommen und der Lawinenpfad wäre nicht bereits bekannt gewesen.
  • die Straße exponiert war; andernfalls wäre diese nicht betroffen gewesen.
  • die Straße verwundbar (vulnerabel) war; andernfalls wäre sie nicht gesperrt worden. Hätte es dauerhafte Schutzmaßnahmen gegeben – etwa eine Lawinengalerie oder einen Tunnel -, wäre die Straße nicht vulnerabel gewesen.

Unter der Annahme, dass die Autos geparkt waren und nicht fuhren, als die Lawine die Straße erreichte, lässt sich Folgendes festhalten: Sie waren keinem Risiko ausgesetzt, da sie nicht exponiert waren. Sie standen an einem sicheren Ort ohne Lawinengefährdung. Grundsätzlich wären die Autos jedoch vulnerabel gewesen, denn hätte diese Lawine sie getroffen, wären sie stark beschädigt worden.

Monclassico (TN) – loc. Montes 15. April 2013 © PAT Archiv | snow institute

Zusammenfassend kann somit gesagt werden: Risiko entsteht, wenn jemand oder etwas Vulnerables einer Gefährdung ausgesetzt ist.

Warum aber ist der Begriff Risiko und seine Komponenten im Kontext von Lawinenkommissionen von so großer Bedeutung? Weil Lawinenkommissionen Risikomanager sind, die darauf abzielen, möglichst viele Risikokomponenten zu reduzieren oder ganz auszuschalten.

Titelfoto: Val Salei (Trentino) – © A. Gasperi | snow institute